Geschichte der Stadt Großalmerode

Als "Almerrodde" wird das heutige Großalmerode erstmals 1386 in den Quellen erwähnt. Doch erst im Jahr 1775 wird der Ort mit Stadtrechten versehen. Zu dieser Zeit lebten ca. 1250 Einwohner in der Stadt, in der von nun an vier Jahrmärkte abgehalten werden dürfen. Für das Verständnis der neueren Ortsgeschichte sind die in der Umgebung der Siedlung befindlichen Bodenschätze entscheidend:

"In einem kalten Hochthale, 1067 Fuß über dem Meeresspiegel liegend, wird dasselbe rings von hohen Bergen umschlossen, die dem Thale nur eine schmale Sohle lassen, und diese Sohle hat einen so dürftigen Boden, daß auch die fleißigste Bestellung nur mit einer dürftigen Ernte belohnt wird. Betrachtet man dieses, dann muß man sich überzeugen, daß nicht Ackerbau es gewesen sein kann welcher die Menschen bewog, sich hier nieder zu lassen und den Ort zu begründen. Es mußten vielmehr andere Erwerbsquellen sich bieten, welche zur Ansiedlung reizten. Welche andern aber hätten das sein können, als eben jene Tonlager?"

Mit den "Tonlagern", die Landau in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1843 über "Die Tongruben zu Großalmerode" beschreibt, gründet sich die wirtschaftliche Prosperität der Stadt. Die Tone wurden in Gruben mit 20 Fuß Kantenlänge abgebaut. Mit schweren Hacken wurden würfelförmige Brocken ausgehoben und in Hütten, die sich neben den Gruben befanden, getrocknet. Die unter einem rötlichen Tonmergel anstehenden Tone sind von unterschiedlicher Qualität. Das weniger qualitätvolle, oben anstehende Material - weißgrau und fein - ging größtenteils an Tuchwalkereien. Eine andere Tonart, ebenfalls von geringerer Qualität, benutzte man zum Kollern von Leder.

Der kalkfreie, unten anstehende Ton von bester Güte wurde zum Anfertigen von Schmelztiegeln benutzt. Dazu vermengte man den Ton mit feinem Sand im Verhältnis 1: 1, gab Wasser hinzu und verarbeitete die Zutaten zu einem zähen Brei. In der Regel formte man dreiseitige Gefäße, die an einer Kante eine Art Auslaufschnabel besaßen. Einen derartigen Schmelztiegel übrigens beschreibt Dürer auf seinem Kupferstich "Melancolia I" von 1515. Nach dem Formen wurden die Tiegel getrocknet und anschließend etwa 48 Stunden in einem Brennofen gebacken. Die großen Schmelztiegel dienten in der Regel zum Herstellen von Rotguß. In kleineren Tiegeln wurden Edelmetalle verarbeitet. Andere, in Großalmerode hergestellte feuerfeste Waren waren Muffeln, Retorten oder Probiertuten. Sie alle dienten zum Schmelzen, Kalzinieren, Verpuffen und Verglasen von Metallen, Salzen, Glas, etc.

Der Ton wurde in Großalmerode seit dem 15. Jahrhundert gewerblich genutzt, seit etwa 1600 besteht eine Tonwarenindustrie. Um 1860 sind in Großalmerode acht Schmelztiegelwerke angesiedelt, von denen sich 1887 einige zu den Vereinigten Großalmeröder Tonwerken zusammenschließen, in denen bis heute feuerfeste Baustoffe für industrielle Feueranlagen hergestellt werden.

Neben den Betrieben, die Großtiegel herstellten, gab es in Großalmerode mehrere Pfeifenbäckereien, die um 1700 mit der Herstellung von Pfeifenköpfen begannen. Um 1860 gab es insgesamt 12 Fabriken, die Pfeifenköpfe herstellten .

Wie sich die wirtschaftliche Situation der städtischen Industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darstellt, zeigt eine Liste aus dem Jahr 1872 über die zum Versand aus Großalmerode abgegangenen Waren. Sie wurde der königlichen Eisenbahndirektion übersandt, um auf den dringenden Bedarf eines Bahnhofes für die Stadt mit der Anbindung von Epterode und Walburg hinzuweisen:

Neben dem Ton wurden in Großalmerode andere Bodenschätze verarbeitet. Ein Rohstoff, der in der Nähe der Stadt abgebaut wurde, ist Alaun. Die Gewinnung am Hirschberg ist erstmals für 1573 belegt. Alaun war wichtig für das Gerben von Leder und die Behandlung von Textilien. Zum Teil verarbeitete man das gewonnene Alaun in einer Walkmühle, die sich am nordöstlichen Stadtrand von Großalmerode befand.

Daneben wurde in unmittelbarer Nachbarschaft am Hirschberg Braunkohle im Tagebau gefördert. Am Blaustein wurden unterhalb des Hirschberges Ultramarinfarben hergestellt.

Im Spätmittelalter war vor der Massenproduktion von Schmelztiegeln die Glasherstellung die wichtigste Industrie der Stadt, die sich 1572 bezeichnenderweise Glaß-Großalmerode nannte. Ausschlaggebend für die Ansiedlung der Glashütten war der günstige Standort der Siedlung. Die reichen Holzbestände des Kaufunger Waldes stellte die Befeuerung der Schmelzöfen sicher, die benachbarte Saline Sooden lieferte das benötigte Soda, die Schmelzhäfen fertigte man mit dem nahe anstehenden Ton in eigener Herstellung. Hinzu kam die wichtige Verkehrsanbindung in der Nähe schiffbarer Flüsse, die über die Weser bis nach Norddeutschland reichte.

Die erste Hütte im Kaufunger Wald wird 1446 erwähnt; 1466 sind bereits acht Glashütten überliefert. Die Hütten waren rund um Großalmerode am Hirschberg, Schwarzenberg, Querenberg, Langenberg, am Steinberg, Fahrenbach und der Nieste angesiedelt. Organisiert waren die Gläsner in der Glasmacherzunft, dem sog. Spessartbund. Nachdem die Zunft 1525 aufgelöst worden war, schlossen sich die Glasmacher 1537 zu einem neuen Bund zusammen und wählten als Sitz der Organisation "Almanrode".

Hergestellt wurde sog. Waldglas, ein grobes, leicht verunreinigtes Gebrauchsglas, aus dem Fensterscheiben, Trink- und Apothekengefäße hergestellt wurden. Zu Ende des 16. Jahrhunderts ging die Glasherstellung in Großalmerode ihrem Ende entgegen. Die Rohstoffe, wie das unabkömmliche Feuerholz waren verbraucht, in Böhmen und Skandinavien entwickelten sich neue Technologien, mit deren Anwendung qualitätvolleres Glas hergestellt wurde. In Großalmerode konzentrierte man sich nun auf die Produktion von Schmelztiegeln.

Großalmerode ist heute mit seinen sechs Stadtteilen Verwaltungssitz. Seine Geschichte hat in der Stadt deutliche Spuren hinterlassen. Der Marktplatz mit seinen klassizistischen Häusern zeugt ebenso wie die gründerzeitliche Stadterweiterung von der wirtschaftlichen Prosperität.

Erhalten haben sich auch einige spätmittelalterliche Häuser aus dem späten 16.Jahrhundert, aus einer Zeit also, in der die Glasmacher die Geschicke der Stadt bestimmten. Auch in der Umgebung finden sich zahlreiche Spuren, die die Ausbeutung der Bodenschätze hinterlassen haben. Heute nicht mehr betriebene Kohlenbergwerke finden sich unterhalb des Bilsteines nördlich der Stadt sowie in der Nähe der Siedlung Faulbach im Süden. Ein Gürtel aus Tongruben, mittlerweile renaturierte Erdlöcher, umziehen den Ort als Zeugen der ehemaligen Schmelztiegelproduktion .

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